Hat das denn keiner recherchiert?? PR? Mach einfach ne Studie!

Dass Studien bei Journalisten sehr beliebt sind und sich hervorragend dazu eignen (PR-)Botschaften in den Medien zu platzieren, weiß jeder, der das PR-Business betreibt. Dass es aber möglich ist, mit Hilfe einer frei erfundenen, hanebüchenen Studie (global) erfolgreich den größten Schwachsinn zu kommunizieren, ist wirklich unglaublich…
Tatsächlich ist dies jedoch geschehen: Via Pressemeldung verkündete Ende März dieses Jahres das „Institute for Diet and Health“ mit neuen Studien bewiesen zu haben, dass Schokolade beim Abnehmen hilft: „Der Fettabbau wird beschleunigt, der Jo-Jo-Effekt minimiert und das psychische Wohlbefinden gestärkt“….“ Aha…

Zeigten zunächst nur ein paar „Abnehm-Blogs“ Interesse an der unglaublichen Meldung, setzte die BILD die Studie Ende März auf Seite eins: „Diese Studie schmeckt uns: Wer Schokolade isst, bleibt schlank.“ Da BILD eine Monopolstellung in Sachen „Agenda Setting“ in Deutschland –  zumindest für einige Medien – zu haben scheint, ließen diese nicht lange auf sich warten: RTL, Brigitte, die Cosmopolitan, ja sogar Focus.de berichteten. International verbreitete sich die Studie über Deutschland nach Großbritannien (Daily Mail) bis in die USA und Australien.
Dennoch: Alles frei erfunden! Das Institut, die Studie – einfach alles. Für den Fake verantwortlich sind die Journalisten Peter Onneken und Diana Löbl, die jetzt die Katze aus dem Sack ließen. Sie wollten mit dem Riesenschwindel beweisen, wie einfach es heutzutage ist mit dubiosen Studien zunächst Journalisten und Medien und dann die Öffentlichkeit zu manipulieren. Auch wenn es den beiden in erster Linie darum ging die boomende, Milliarden scheffelnde Diätindustrie an den Pranger zu stellen, zeigt sich hier jedoch überdeutlich ein anderes „Problem“.

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Frei nach dem Motto: „Das ist einfach zu gut, um es zu recherchieren“, haben hier Journalisten reihenweise den eignen gesunden Menschenverstand ausgeschaltet und sich durch die „gefakte“ Pressemitteilung mit pseudowissenschaftlichen Aussagen zur angeblich schlankmachenden Wirkung von Schokolade blenden lassen. Auch wenn zahlreiche Journalisten dem Fake nicht aufgesessen sind, wirft die Sache ein trauriges Licht auf die weltweite Medienlandschaft und gibt der Frage nach dem heutigen Wert von Qualitätsjournalismus, der sich jenseits von thematischem Einheitsbrei, mutig, mit solide recherchierten Geschichten präsentieren will, eine ganz neue Bedeutung.

Auch mag man angesichts dieser Story gar nicht daran denken, wie viele auf neuen und relevanten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Studien es durch das „bottleneck Journalist“ nicht in die Öffentlichkeit geschafft haben – ganz einfach, weil die Story dahinter schwer zu recherchieren oder nicht sensationell genug war um ordentlich Quote zu machen.
Und die PR? Sie erhält durch diese Tendenzen ganz falsche (wenn auch sehr verlockende) Botschaften: Mach dir den mangelnden journalistischen Recherche-Eifer zu Nutze und blas deine Story um jeden Preis auf! Mach es groß und bunt, aber auch mundegerecht, in kleinen, appetitlichen Häppchen, leicht verdaulich! Vor allem aber mach eine Studie mit vielen Grafiken und Zahlen – denn dann klappt`s garantiert mit der Berichterstattung.

Zu sehen ist die Fernsehdokumentation über die angebliche Studie und ihren Weg in die Öffentlichkeit „Schlank durch Schokolade. Eine Wissenschaftslüge geht um die Welt“ übrigens morgen, am 5. Juni, um 21.50 Uhr, auf ARTE und am 7. Juni, um 15.30 Uhr, im ZDF. Ich werde mir das sicherlich nicht entgehen lassen…