Die Werbebranche hat uns fest im Griff. Ein inzwischen unangenehmes Ausmaß an Kommerzialisierung hat längst die gängigen Sozialen Netzwerke erreicht. Jeder Klick, jeder Post, jeder Kontakt wird getrackt, aufgezeichnet und ausgewertet. Niemand kann vor dem permanenten Werbe-Spam und dem damit verbundenen – und in keiner Weise legitimierten -Daten-Klau noch die Augen verschließen. Doch es regt sich Widerstand – zum Beispiel in Form von „Ello“.

Ello ist ein neues Social Network, das sieben US-Amerikaner in den vergangenen Monaten entwickelt haben. Es verspricht Schluss zu machen mit dem Wahnsinn: keine Werbung, keine Sponsored Posts und keine Algorithmen. Stattdessen Transparenz und Datenschutz.

Ello läuft noch in einer Beta-Version. Die Seite – zu deren Kernfunktionen man nur über eine „Einladung“ der Website-Owner kommt (Anmeldung per eMail genügt dafür) – ist im Design bewusst minimalistisch gehalten: ganz in schwarz-weiß und simpel strukturiert, lässt sie noch einige elementare Features vermissen. „Liken“ oder „Favs“ sind noch nicht möglich. Und trotzdem wächst das Netzwerk in den USA seit Ende September mit rund 4000 Neu-Registrierungen pro Tag in rasender Geschwindigkeit. Warum? Weil die Ello-Macher hier nicht nur das elementare Bedürfnis aller Social Media-Junkies nach einem beruhigendem Maß an Anonymität befriedigen, sondern auch, weil sie ihr „Credo“ authentisch und glaubwürdig kommunizieren. Die Infos auf der Website sind spärlich, aber wunderbar einfach und zum Teil schmerzhaft deutlich formuliert.

Das „Ello Manifesto“ endet mit dem Satz „You are not a product“ – besser kann man den Ello-Ansatz für social networking nicht zusammenfassen. Eine hehre Absicht! Der Gesamteindruck stimmt – Ello gelingt es sich als ernste Alternative zu Facebook, Twitter, Xing, google+ etc. zu inszenieren. Die Anfangsfinanzierung erfolgte übrigens durch Venture Capital. Künftig sollen die Nutzer für zusätzliche Funktionen Geld bezahlen.

Wie kann Marken-Kommunikation auf Ello funktionieren?

Auch – oder gerade weil? – Ello vorgibt, die Seiten dauerhaft werbefrei belassen zu wollen, bieten sich hier für Unternehmen möglicherweise völlig neue und kreative Ansätze, Marketing und PR zu betreiben. Wie können sich Marken in diesem Netzwerk ähnlich wie bei Facebook und Co. positionieren und wie Traffic und Reichweite generieren? Auch wenn die Mitglieder dieser Community sich sicher nicht durch ihre Werbeaffinität auszeichnen, sind es allesamt Konsumenten, mit Interessen und Präferenzen – potenzielle, vielleicht für die eine oder andere Marke sogar besonders interessante Zielgruppen! Da die bei Ello zur Verfügung stehenden zwei Newsstreams (einer für „Freunde“, ein weiterer „öffentlich“) nicht durch Algorithmen gefüttert, sondern allein individuell bestückt werden, stehen Unternehmen in Sachen Public Relations und Marketing hier vor neuen reizvollen Herausforderungen. Hier ist nicht mehr Content Marketing gefragt, sondern echte nachhaltige Kommunikation. Und die hat mit Inhalten zu tun. Eine Kommunikation und Interaktion mit relevanten Zielgruppen kann bei Ello allein über Posts, Kommentare, Videos, SoundCloud-Files usw. stattfinden. Unternehmen sind deshalb aufgefordert, gute „Stories“ und Inhalte anzubieten, um so in einen Dialog mit ihrer Ziel-Community eintreten zu können. Auf diese Weise entsteht Vertrauen und lassen sich nachhaltige Beziehungen und Reputation aufbauen. Klassische PR-Arbeit – zurück zu den Wurzeln! Ich bin gespannt, ob sich das „Anti-Facebook“ als alternatives soziales Netzwerk etablieren kann und so auch für Unternehmens-PR an Bedeutung gewinnt.